Montag | 15.06.2026 | 19:00 h
Zu Gast: Alex Gerbaulet - Erinnerungslücken
In allen drei Filmen dieses Programms nehmen die Regisseur*innen Fotos, Aufzeichnungen und Dokumente aus ihrem eigenen Archiv zum Ausgangspunkt, um etablierte Geschichtsbilder oder Familienmythen zu hinterfragen. Und um von Gewalt und Verlust zu sprechen, die oft als lautes Schweigen zwischen den Dokumenten liegen, weil sie weder abgelichtet noch aufgeschrieben wurden. Die Archivalien werden dabei re-kontextualisierenden künstlerischen Prozessen unterworfen, die ihren jeweiligen Wahrheitsgehalt herausfordern und so auf der Aneignung der eigenen Geschichte bestehen. (AG)
Filmprogramm (80 min)
Alex Gerbaulet - SCHICHT (29 min | 2015)
Khaled Abdulwahed - BACKYARD (28 min | 2018)
Suse Itzel - Ich hätte lieber einen anderen Film gemacht (23 min | 2024)
Alex Gerbaulet lebt in Berlin und arbeitet als Filmemacherin, Produzentin und Filmvermittlerin. Sie hat in der Filmklasse der HBK studiert und dort von 2008-11 als Künstlerische Mitarbeiterin gearbeitet. Seither hat sie mehrfach im In- und Ausland unterrichtet und war in der Auswahljury für Filmfestivals tätig wie aktuell bei den Int. Kurzfilmtagen Oberhausen und der diagonale in Graz. Seit 2014 ist sie Teil der Produktionsplattform pong film, seit 2023 Mentorin der Professional Media Master Class in Halle.
Details
Alex Gerbaulet - SCHICHT (29 min | 2015)
Alex Gerbaulet begibt sich in ihrem Film auf einen Schwindel erregenden Trip durch Salzgitter: Eine Stadt wie ein Cyborg, in der sich Faser für Faser Geschichte ablagert. Roter Faden ist ihre Familiengeschichte, die durch Aufzeichnungen aus dem Privatarchiv zum Leben erweckt wird. Bergbau, Stahlwerk, Musterstadt. Über die Jahre 33 und 45 projiziert sich die erste Nachkriegsgeneration ihrer Eltern in die Zukunft. Benannt anch einer Schlagersängerin findet die Tochter als rebellierende Punkerin einen anderen Rhythmus. Pulsierend, manchmal atemlos, folgt der Film dem Strom freigelegter Geschichten. Ein Film zwischen Analyse und Imagination, komponiert aus dem Punk der Jugendjahre, begleitet vom Stahlwerksdröhnen und dem Rauschen der Autobahn. Unterbrochen von der schneidenden Stille stillgelegter Bergwerke, in die ab 2020 radioaktiver Müll verbracht wird. Halbwertzeit 24.000 Jahre. 685 Generationen.
Khaled Abdulwahed - BACKYARD (28 min | 2018)
Eine Kamera steht vor einem kopierten Foto, das an eine Wand projiziert ist. Es zeigt ein Kaktusfeld, fotografiert 1998 von dem Filmmemacher Khaled Abdulwahed in der Nähe seiner Wohnung im Südwesten von Damaskus. Seine Silhouette bewegt sich hinter die Kamera, prüft den Ausschnitt. Wir hören seinen Atem, das Klicken der Kamera. Er sucht das Bild auf einem Negativstreifen, schneidet das Negativ, stellt die Schärfe ein, zoomt, scant und entwickelt. Sorgfältig rekonstruiert der Filmemacher Stück für Stück den Standpunkt der Aufnahme mit einem Bleistift und einem Zirkel, re-entwickelt das Bild, dessen Original wie auch die Landschaft, die es zeigt, 2012 im syrischen Bürgerkrieg zerstört wurde. Indem er der gewalttätigen Deformation des Kaktusfeldes und dessen Bildes folgt, dem Kampf zwischen Original und Kopie, dem Ringen zwischen Realität und Bild, korrigiert, überschreibt und adaptiert Khaled Abdulwahed seine Erinnerung.
Suse Itzel - Ich hätte lieber einen anderen Film gemacht (23 min | 2024)
Eine grüne Couch auf alten Fotos und als nachgebaute Skulptur. Ein Bett, ein Zimmer, eine Wohnung im Dämmerlicht. Verdunkelung als Bedingung (un)möglicher Erinnerungen, die sich in Form von projizierten Fotos und Dokumenten über die Räume schieben, sie abscannen, sichtbar machen und gleichzeitig verschieben. Psychiatrieräumen, Atelierräumen oder WG-Zimmer. Die Familie taucht auf den Fotos nur noch als Lücke auf. Während die Stimme der Filmemacherin Suse Itzel sich tastend fortbewegt, in immer neue Abgründe. Eine Heimsuchung und eine Suche. Nach Erzählbarkeit, nach der eigenen Sprache für den erlebten sexuellen Missbrauch, den sie als Kind und Jugendliche erdulden musste und von den Folgen, die eine derartige Gewalt haben kann.
[ Abbildung oben: aus dem Film 'SCHICHT' (2015) von Alex Gerbaulet ]